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Wie wir Cosmo Zaloom kennenlernten...

Es geschah auf unserer letzten Australien-Tournee.

Die Backline stand, der Sound war gecheckt und die Band hatte bis zum Konzertbeginn einige Stunden Zeit. Also beschlossen wir, nicht tatenlos herumzusitzen und TV zu glotzen, sondern die Umgebung um die Arena zu erkunden.

Es war der Abend unseres ersten von fünf ausverkauften Konzerten in der Sydney-Town-Hall, die direkt unten am Hafen liegt. Vom Wasser stieg eine leichte Brise frischer Meeresluft herauf und wir fühlten alle, dass es ein besonderer Abend werden sollte.

Von der Clarkavenue bogen wir ab Richtung Operahouse. Die Schaufenster wurden begutachtet, den Mädels wurde hinterhergeguckt - ein paar erkannten uns und wir sahen zu, dass wir weiter kamen...

So schlenderten wir durch die Straßen und Gassen und ließen uns Zeit, die Stimmungen der Stadt in uns aufzunehmen.

An der Ecke Kennsington-Street Philadelphia-Lane entdeckten wir einen Straßenmusiker. Er hatte seine uralte Fender Stratocaster Sunburst und seinen ebenso alten Jazzchorus hinunter an den Hafen geschleppt und spielte mit dem Rücken an eine Hauswand gelehnt einen Blues. Wir kamen näher und hörten ihm zu. Seine Gitarre klang eigenartig - in den Mitten zu nuschelig, in den Höhen zu strill und die Bässe kamen und ging, wie sie gerade Lust hatten. Dennoch übte sein Spiel und sein Sound eine ungewöhnliche Faszination auf uns aus.

Er variierte immer das selbe Thema - C, F, G - und doch meinten wir nach einer Weile mehr zu hören als eine einzelne Gitarre. Seine Klänge mischten sich mit den Geräuschen des Hafens und wenn man die Augen schloss, hörte man plötzlich eine kleine Jazzkapelle. Je länger wir ihm zuhörten, desto imposanter wurden die zusätzlichen Begleitinstrumente. Schließlich waren wir alle vier unisono der Meinung, der Mann spiele zusammen mit einem Sinfonie-Orchester. Gerade als sich dieses Klangbild herauskristalisiert hatte, brach er sein Spiel abrupt ab und legte seine Gitarre vor sich auf den Boden. Als er sich aufrichtete bemerkte er uns auf der anderen Straßenseite.

Er winkte zu uns herüber. Dann rief er etwas, was wir nicht verstanden. Als er merkte, dass wir nicht reagierten, hob er einen groben Sack vom Boden auf und kam zu uns herüber. Beim Näherkommen musterten wir ihn mit zunehmender Sorge. Er sah entsetzlich heruntergekommen aus. Sein fettiges Haar trug er zu einem langen Zopf gepflochten. Seine Kleidung war zerschlissen und schmutzdurchsetzt. Fingernägel und Zähne waren dunkelbraun, ja fast schwarz und seine Haut stellenweise verbrannt, aufgerissen und abgeplatzt.

Nun stand er vor uns. Er war eine Riese. Seine Körpergröße lag ganz sicher bei 2,10 Meter. Ein unangenehm süßlicher Geruch ging von ihm aus. Er griff in seine Manteltasche und holte eine Flasche Edradour Finest Single Malt Whiskey hervor. Ohne ein Wort der Erklärung zog er den Korken vom Hals und bot uns die Flasche an. Als er merkte, dass wir zögerlich ablehnten, legte er den Kopf in den Nacken und ließ ein lautes, kehliges Lachen hören. Er sah uns einen nach dem anderen an und nahm dann selber einen tiefen Schluck aus der Flasche.

"Na Jungs. Noch'n bisschen früh am Tag für'n ordentlichen Drink, was? Na dann erzählt mal, was treibt euch hier hinunter an den Hafen, zu Mutter Meer? Seid ihr Touristen im Kanguru-Rausch oder vertrödelt ihr nur eure Zeit."

Wir sagten ihm, wer wir waren - die zur Zeit angesagteste Hardpopband weltweit, mit 5 Platzierungen in den internationalen Single-Charts, 2 Grammy-Nominierungen für das beste Album und das beste Video (beides mit Aussicht auf Gewinn Dank Extrazahlungen an die unabhängigen Jurymitglieder) und einer dreifach ausverkauften Welttournee durch alle fünf Kontinente. Desweitern plante man uns als Hauptfiguren im nächsten James-Bond-Film ein, für den wir auch die komplette Filmmusik schreiben würden.

Wir sagten ihm, dass weltweit jedes Kind im Alter von 9 bis 16 Jahren unseren Namen kennen würde, dass eine ganze Industrie mit etlichen Merchandiseartikel um unsere Musik herum entstanden sei und das unser derzeitiges geschätztes Gesamtvolumen in US-Dollar circa 23 Billionen betragen würden.

Zugegeben, wir waren vielleicht eine Spur zu hochnäsig und arogant. Aber letztlich fühlten wir uns durch seine Frage reichlich provoziert. Für uns war es selbstverständlich erkannt zu werden. Niemand hatte in den letzten 2 Jahren unsere Identität hinterfragt. Unsere Gesichter klebten auf jedem Kaugummi, auf jedem Schnürsenkel, ja, es gab sogar Kondome, die mit unseren Visagen bedruckt waren und da kam dieser Versager und wagte es, uns zu fragen, wer wir waren!

Natürlich dachten wir, wir hätten es ihm ordentlich gegeben und er würde nun vor Neid und Ehrfurcht im Boden versinken. Doch nichts dergleich geschah. Er sah uns nur leicht mitleidig an, trat zwei Schritte zurück und lehnte sich an die Hafenbrüstung. Wieder kramte er in seiner Manteltasche, fand dort aber offensichtlich nicht was er suchte, beugte sich zu seinem Seesack hinab und zubbelte schließlich einen kleinen Lederbeutel hervor. Dann richtete er seine dunklen Augen auf uns.

"Wenn ihr glaubt, ihr seid auf der Spitze des Berges angekommen und all eure Träume hätten sich erfüllt, dann dreht euch um und geht eures Weges. Wenn ihr aber zweifelt, ob es hinter den Wolken weiter geht, wenn ihr neugierig seid auf Wahrheiten, die ihr noch nie gesehen habt, dann tretet doch ein wenig näher und lasst euch überraschen. In diesem Beutel hier, liegen die Antworten auf all eure Fragen."

Mit diesen Worten zog er den dünnen Hanfstrick auseinander und der Beutel öffnete sich.

Niemand von uns hätte später sagen können, er habe sich mit Händen und Füßen gewehrt. Es war, als ob uns der Beutel magnetisch anzog. Jeder von uns wollte unbedingt einen Blick auf den so geheimnisvoll beschriebenen Inhalt werfen.

Am Boden des Beutels lag ein feines, schimmerndes Pulver, das merklich zu funkeln begann. Der Gitarrenfreak griff mit Daumen und Zeigefinger hinein und hielt es uns unter die Nase. Dann schnippste er seinen dreckigen Finger auseinander und das Pulver wurde mit einem lauten Puffen gleißent hell.

"Na dann guten Flug, ihr Süßen..."

Was sollte das? War das ein billiger Taschenspielertrick! Wir wunderten uns, waren aber zunächst noch zu geblendet von dem hellen Licht, um zu verstehen, was hier passierte.

Langsam zeichneten sich vereinzelnte Strukturen vor dem sonnenhellen Hintergrund ab. Wir fühlten uns eigenartig leicht und schwerelos. Es schien als ob wir hoch oben in der Luft schwebten. Es rauschte und surrte um uns herum. Schließlich veränderten sich die Strukturen und nahmen wieder ihre gewohnte Gestalt an.

Uns stockte der Atem, als wir bemerkten was geschehen war. Wir befanden uns knapp zehntausend Meter hoch in der Luft und befanden uns im freien Fall auf Mutter Erde. Panik machte sich in uns breit. Dies konnte unmöglich die Realität sein. So etwas gab es einfach nicht, das man in einen Lederbeutel guckt und - Puff - in der nächsten Sekunde wie ein Vogel am Himmel klebte - ohne dessen hervorragenden Flugeigenschaften.

"Na Jungens, wie fühlt ihr euch jetzt? Ist es nicht herrlich, frei zu sein?"

Das war unmöglich. Dieser Spinner vom Hafen, dieser verkommene Gitarrenfreak schwebte neben uns.

"Ich dachte, ich zeig euch mal was, was ihr noch nicht kennt. Was das sein soll? Augenblick..."

Er klatsche einmal mit den Händen und unser freier Fall wurde jäh unterbrochen. Wir hingen in der Luft. Schlagartig wurde es mucksmäuschen still.

"Wisst ihr, eure kleine Rede vorhin hat mich wirklich mächtig beeindruckt! Popstars seid ihr also. Megaseller. Goldene Platten habt ihr an den Wänden. Die Menschen kennen eure Namen und verehren euch. Und ihr haltet das alles für wichtig..."

Er schwebte einmal langsam um uns herum und hockte sich dann im Schneidersitz vor uns in die Luft.

"Ich will euch mal eine kleine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der einmal alles besaß, wonach es ihm gelüstete, der dann alles verlor und der dann daran zerbrach.
Die Geschichte dieses Mannes beginnt in einer kleinen Wüstenkneipe am Randes des Niemandslandes Namens 'Seven Bridges'. Ein mieser Schuppen, in dem sich nach Feierabend finstere, dunkle Gestalten versammeln, um einen zu Trinken, ein Mädchen anzubaggern oder krumme Dinger zu planen.
Nichts für zarte Seelen. Kein Grundstein für eine lange Künstlerkarriere.
Und doch wollte es der Zufall, dass unser Mann eines Abends auf der Durchreise ausgerechnet in dieser Absteige hängen blieb. Er war seit drei Tagen blank und hatte sich tagsüber gitarrespielender Weise auf Dorfstraßen herumgetrieben, immer in der Hoffnung, so zu einem Burger oder einem Bier zu kommen. Der Staub brannte ihm in den Augen und auf der Lunge und er wußte, wenn er es nicht schaffte seine Situation in den Griff zu kriegen, würde er das nächste Jahr nicht mehr erleben.
Wie gesagt, der blanke, nackte Zufall spülte unseren Mann vor die Pforten des 'Seven Bridges' und so betrat er den verrauchten Club und bahnte sich im Halbdunkel seinen Weg zum Tresen. Der Barkeeper war ein schmieriger Typ, aufgedunsen und von untersetzter Figur.
'Ob er gegen etwas Bewirtung für Musik sorgen könne?' fragte unser Mann ihn und zeigte auf seinen einzigen Schatz - seine Fender Strat Sunburst von 1954. Der Barmann musterte ihn vorwurfsvoll, nickte dann aber wortlos in eine finstere Ecke hinüber, in der eine Art Bühne stand. Es war nicht mehr als ein großes, morsches Brett, das auf hunderte von leeren Bierdosen gelegt war.
Aus seinem Rucksack holte unser Mann einen kleinen Kofferverstärker und ein Kabel, verband alles mit seiner Strat und begann zu spielen - Blues, durch alle Skalen. Unser Mann hatte kaum eine Viertelstunde gespielt, da trat der Barkeeper an den Bühnenrand und stellte ihm einen riesigen Teller mit Steak und Kartoffeln sowie ein gigantisches Glas Bier vor die Füße.

'Auf Kosten des Hauses! Wenn du hiermit fertig bist will dich mein Boss sprechen.'

Mit diesen Worten zeigte er in das Dunkel des Raumes und unser Mann erkannte nur schemenhaft einen winkenden Arm. Sollte es das Schicksal heute Abend einmal gut mit ihm meinen und ihn für kurze Zeit in Ruhe Ruhe lassen?

Mit wenigen Bissen hatte er seinen Teller leergegessen. Dann nahm er sein Bier und machte sich auf den Weg seinen Wohltäter zu treffen.

Der Boss des 'Seven Bridges' wirkte merkwürdig fehl am Platze zwischen all diesen Gauner und gebrochenen Glücksritter, die neben ihm am Tresen saßen. Er sah gepflegt aus, trug ungewöhnlicherweise einen Cut mit einer gestreiften Weste und war von schmaler, fast zerbrechlicher Statur. Unser Mann schüttelte ihm die Hand, der Boss bot ihm einen Barhocker an und so nahmen sie nebeneinander Platz.

'Ich habe in diesem Laden noch nie jemanden so Gitarre spielen gehört wie dich vorhin! Woher kommst du, Freund?'

Der Boss hatte eine unangenehm hohe, nasale Stimme, die leicht zum Krächzen neigte. Während er seine Frage stellte, legte er unserem Mann vertraulich die Hand auf den Arm.

Unser Mann erzählte, wie es ihm in der letzten Zeit ergangen war, dass er ein bisschen Pech gehabt habe und nun auf der Suche nach einem Fleckchen Erde wäre, an dem es sich angenehm leben ließe. Leider habe er dieses noch nicht gefunden, doch er sei voller Zuversicht und gebe die Hoffnung nicht auf.
Natürlich war das dummes Gerede, er wußte das und er fürchtete, der Boss wusste das auch. Es ging ihm nie schlechter als jetzt, er war fix und fertig und das stand ihm in großen Leuchtbuchstaben deutlich sichtbar auf der Stirn geschrieben. Seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft hatte er begraben wie einen stinkenden Fisch. Wenn das Ende nicht heute kam, so doch ganz sicher morgen. Er dachte nicht mehr in Tagen. Sein Lebenswille glich einem seidenem Faden, auf dem die Widrigkeiten des Lebens mit klobigen Stiefeln herumtrampelten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er riß.

Der Boss lächelte. Eine große Zahnlücke wurde hinter seinen dünnen, blassen Lippen sichtbar.

'N bisschen Pech gehabt, was?!'

Er kicherte gehässig.

'Wie wär's, wenn ich dich da raus hole? Raus aus der Totenstadt, zurück ins Leben. Weißt du, was du da vorhin mit der Gitarre gemacht hast, war einzigartig. Glaub mir, ich weiß wovon ich spreche. Es gibt nicht viele Burschen, die so mit den Saiten umgehen können, wie du. Du hast diese Art Magie in deinem Spiel, die die Menschen begeistert. Denk mal drüber nach! Was glaubst du, warum du noch am Leben bist? Wer hat die letzten Jahre für dich gesorgt? Ich werd's dir sagen, denn du scheinst es noch nicht erkannt zu haben. Deine Gitarre, mein Freund. Deine Musik. Sie bezaubert die einfachen Leute, lockt ihnen ein paar Taler aus der leeren Tasche. Du spielst, sie hören zu und ehe sie verstehen was passiert, bitten sie dich zum Essen an ihren Tisch, obwohl sie selber kaum genug zum Überleben haben. Das ist Magie, mein Freund und ich kann dir einen Weg zeigen, von dem du nicht mal zu träumen gewagt hättest. Du kannst alles erreichen, was du willst. Kannst alles haben, was du schon immer wolltest. Es liegt direkt vor dir, du mußt nur zugreifen.'

Unser Mann klebte an den spröden Lippen des Bosses. Seine Worte waren wie eine warme, weiche Droge, die langsam durch alle Glieder seines ausgezerrten Körpers lief und sich dort ausbreiteten wie Metastasen. Worte, die sich festbissen und mit kleinen spitzen Zähnen seine Seele von innen aushöhlten.

Nie zuvor hatte so jemand mit ihm gesprochen, wie der Boss es eben getan hatte. Nie zuvor hatte jemand sein Talent dermassen treffsicher fokusiert. Ja. Genau das war es, was er immer gewollt hatte. Musik machen, Gitarre spielen, Leute begeistern, am Leben sein. Und genau das war ihm bisher immer versagt geblieben. Es hatte immer nur für ein paar Groschen und eine Nacht unter der Brücke gereicht.

Doch damit sollte jetzt Schluß sein. Er sah plötzlich eine andere Zukunft vor sich. Eine neue Welt, die nur noch eins kannte - seinen Erfolg. Weggeblasen waren das Selbstmitleid, die Zweifel und die Ängste. Zur Hölle mit der Vergangenheit. Er würde sich sein Teil vom Glück nehmen, koste es was es wolle. Und er würde hier und heute nacht damit anfangen. Der Boss würde ihm den Weg zeigen, dem er dann nur noch zu folgen brauchte und alles würde gut werden.

'Na was ist - habe ich dich ein wenig neugierig gemacht? Kommen wir ins Geschäft?'

Die Augen des Bosses schimmerten dunkel. Mit einer schnellen Bewegung stieß er seine linke Hand in die Luft. Ein kurzes Funkel war zu sehen Er schnippte mit den Fingern und augenblicklich hielt er einen kleinen, prallgefüllten Lederbeutel in der offenen Hand. Seine rechte Hand kreiste dreimal über das kalte Linolium des Tresens und vor ihnen materialisierte sich aus dem Nichts ein altes Pergament

'Sie her. Ich biete dir einen Kontrakt an. Du sicherst mir alle Rechte auf deine zukünftigen Erfolge zu und ich gebe dir dafür das hier.'

Er hob den Lederbeutel direkt vor die Nase unseres Mannes.

'Natürlich möchtest du wissens, was das ist. Ich kann es in deinen Augen lesen. Nun ich will nur soviel verraten. Dieser Beutel hier, ist der Schlüssel zum Erfolg. Und zwar zu deinem Erfolg. Komm, du mußt nur dort unterschreiben und ich schenke dir eine Welt voller Glück, das Paradies deiner Träume, eine Welt voller erfüllter Wünsche...'

Der Barkeeper war aus dem Dunkel hinter dem Tresen aufgetaucht. Er schob unserem Mann einen goldenen Stift zu.

'Unterschreib, und das Glück wir dir ein treuer Partner sein auf all deinen Wegen, immerdar.'

Benommen von der einlullenden Stimme des Bosses griff unser Mann nach dem goldenen Schreibgerät, das ihm ungewöhnlich schwer vorkam. Wie durch eine milchige Glasscheibe starrte er auf das alte, vergilbte Blatt vor sich. Seine Hand zögerte, ein Zweifel loderte flackernd tief in seinem Herzen auf und zog wie ein stinkender Pestgeruch durch seinen Geist. Sollte er das hier tun? War es tatsächlich die richtige Entscheidung? Beinahe hatte ihn sein Mut verlassen. Die Worte des Bosses begann zu verblassen und der teerige Zweifel legte sich erdrückend über den Rest seiner Zukunft, die eben noch so rosig gestrahlt hatte.

Da spürte er die knochige Hand des Bosses an seinem Körper. Sie führte seine Hand, die den Stift hielt über das Pergament und erhöhte ganz sanft den Druck.

In diesem Moment verabscheute er sich plötzlich so sehr für seinen Zweifel, seinen ständigen Zweifel und er wollte nur noch eins - nie wieder zweifeln müssen, nie wieder eine Chance verpassen, nie wieder dem Glück von der Schippe springen.

Mit einem kräftigen Schwung unterzeichnete unser Mann das Pergament. Sekundenlang glühte die Tinte blutrot in seinen Namen. Doch noch ehe sie richtig getrocknet war, verschwand das Papier auf die gleiche mysteriöse Weise wie es erschienen war.

Augenblicklich ging eine bemerkenswerte Veränderung durch das 'Seven Bridges'. Die verruchten Gestalten, die sich dort eben noch in finstere Winkel gedrückt hatten, waren verschwunden. Stattdessen trieb nun ein eloquent, gepflegtes Vorstadtpublikum beredet Konserversation an weißen, blumengeschmückten Tischen. Das Licht war zwar immer noch gedimmt, aber freundlicher und auf eine wohltuende Art angenehmer als noch vor einigen Sekunden. Es ließ den Teint des Publikums erstrahlen und verjüngtes es obendrein um wenigsten 7 bis 13 Jahre.

Alles wirkte gepflegt und aufgeräumt. Am hinteren Teil des Raumes war eine Bühne zu erkennen, üppig ausgestattet mit Licht, Backline, Monitoren. Das Backdrop war in schimmerndem Blau gehalten und zeigte mittig einen gelblich abgesetzten, siebenzackigen Stern in einem Oval.

Aus der P.A. war ein kurzes Knistern zu hören. Dann folgte ein Ansagesprecher mit einer durchdringenden Bassstimme.

'Guten Abend meine Damen und Herren und herzlich willkommen im 'Pureiosity'. Wir haben wieder ein zauberhaftes Programm für sie vorbereitet und hoffen, ihren erlesenen Geschmack getroffen zu haben. Den Anfang am heutigen Abend macht der internationale Shootingstar der Bluesszene. Insider kennen ihn schon seit Jahren als begnadeten Fingerakkrobaten, als Meister der geheimnisvollen Oberschwingungen, als Zauber der Zwischentonwelten. Heute endlich ist sein Name in aller Munde und er ist aus der Riege der ganz Großen nicht mehr wegzudenken. Meine Damen und Herren, sie wissen alle längst von wem hier die Rede ist! Begrüßen sie deshalb jetzt mit mir zusammen hier bei uns auf der Pureiosity-Bühne : Mister Cosmo Zaloom!'

Das Publikum begann enthusiastisch zu klatschen. Ein Spotscheinwerfer blitzte kugelrund auf der Bühne auf, doch die blieb leer. Der Beifall brach in den ersten Reihen am Bühnenrand deutlich ab. Schnell war der Sprecher wieder zu hören.

'Ein ungewöhnlicher Abend sollte auch ungewöhnlich beginnen und von einem Ausnahmemusiker erwarten wir ja auch keinen gewöhnlichen Auftritt... Und darum jetzt nochmal: Spot an für Cosmo Zaloom!'

Wieder flammte ein Scheinwerfer auf, diesmal durchquerte sein Lichtkegel jedoch den vollen Raum und erfasste einen Mann in einem beigefarbenen Anzug, der am Tresen stand und im ersten Moment nicht recht wußte, wie ihm geschah. Er blinzelte ins Licht und hob die Hand vor die Augen. Der Lichtkegel wanderte weiter am Tresen entlang, tauchte nun eine Frau in einem rosagefiederten Abendkleid in grelles Kunstlicht, die sich daraufhin kichhernd zur Seite drehte und einen weiteren Cocktail bestellt und blieb zu guter Letzt auf unserem Mann haften.

Seine alten Kleider waren Vergangenheit. Er trug nun ein glitzerndes Kostüm aus dem selben dunkelblauen Stoff, in welchem auch die Bühnendekoration gehalten war. In seinen Händen hielt er seine alten Fender Strat, doch bevor er nun zu spielen begann, griff er hinter sich und holte unter seinem Umhang einen kleinen ledernen Beutel hervor. Er öffnete ihn theatralisch, so dass die Spannung stieg und das Publikum die Hälse reckte. Dann griff er mit gespitztem Daumen und Zeigefinger hinein und warf eine Prise funkelnden Staubes um sich.

'Für den Sound!' hörte sich unser Mann sagen und dann griff er seine Gitarre, drehte entschlossen den Volumenpoti nach oben und spielte die ersten Töne, die das Publikum augenblicklich in seinen Bann zogen.

Song folgte auf Song. Der Beifall des Publikums wollte kein Ende nehmen. Zum Schluß gaben sie Standing Ovations, skandalierten seinen Namen, der ihn bis in die Umkleideräume verfolgte. Hier warteten bereits drei Vertreter internationaler Recordcompanies. Die A&R's überboten sich gegenseitig mit opulenten Angeboten, nur sollte er in jedem Falle bei ihrer Company den Vertrag signen. Alles können er haben, Vorschüsse, totale künstlerische Freiheiten, die ultimative Selbstbestimmung was das Marketing anginge und vieles mehr.

Unser Mann schaffte es, die Herren zur Tür hinaus zu befördern. Doch kaum hatte er diese geschlossen, trat durch eine andere eine Frau, die sich als Musikredakteurin des Billboard Journals vorstellte und liebend gern ein Interview mit ihm machen wollte. Er war zunächst überrascht, als sie begann sich auszuziehen, doch dann dachte er an seine Vergangenheit und den festen Willen seine Zweifel zu besiegen und so wurde sein erstes Interview ein eher uninformatives aber dennoch befriedigendes.

Und genau so ging es weiter - Tag auf Tag, Jahr auf Jahr. Vor jeder Show und jeder Plattenaufnahme holte er den Lederbeutel hervor, bestäubte seine Gitarre mit dem Glitzerstaub und das Wunder geschah und alles wurde gut. Er hatte keine Ahnung, wie es funktionierte aber es funktionierte jedes verdammte Mal und so machte er sich nicht all zu viele Gedanken, sondern ließ die Dinge einfach geschehen.

Es dauerte nicht lange, da erleuchtete der Name 'Cosmo Zaloom' die kalifornische Wüste in den schillernsten Bonbonfarben, glänzte im regennassen Plaster von Picadille Circus, wurde in Paris, Tokio und Moskau mit dem gleichen, hohen Respekt genannt wie in New York, Wien oder Kapstadt.

Sein Ruhm überstieg bald bei weitem den der Beatles oder Elvis Presleys. Unser Mann produzierte Schallplatte auf Schallplatte und beinahe jeder Song wurde wochenlang in allen Radiostationen auf der ganzen Welt gespielt. Tourneen und Fernsehshow wechselten sich in atemberaubendem Tempo ab. Die Leute konnten nicht genug von ihm bekommen.

Er war der ominipräsenteste Künstler, den Mutter Erde bislang gekannt hatte. Niemals zuvor hatte ein Mann mit seiner Musik so viel Erfolg gehabt. Sein Publikum rekrutierte sich aus allen Altersklassen und allen sozialen Schichten. Egal ob es der Hafenarbeiter aus Liverpool oder der Nuklearphysiker aus Illiunois war - sie alle mochten ihn und verehrten seine Musik.

Und so kam es, dass sich quasi über Nacht bei unserem Mann ein Reichtum einstellte, den kein normal sterblicher Mensch je zu fassen vermochte. Das Geld flog ihm zu, wie Sand im Wind. Was immer er in Angriff nahm verwandelte sich Dank des Glitzerzeugs in seinem Beutel zu barem Geld.

Also begann er sich Dinge zu kaufen, von denen er schon immer geträumt hatte - ein schnelles Auto, ein Haus am Meer, eine diamantenbesetzte Uhr. Irgendwann dann eine zweite Uhr, ein noch schnelleres Auto in einer anderen Farbe und ein größeres Haus an einem anderen Meer. So ging es über Jahre. Das Geld floss in dicken, breiten Strömen durch ihn hindurch und er verprasste es, so wie es gerade kam.

Und so veränderte sich unser Mann. Alkohol und Drogen wurden seine festen Partner. Mit ihnen schmiedete er den Bund gegen die grausame Langeweile, die sich schon nach wenigen Monaten eingestellt hatte. Frauen kamen und verschwanden, die wenigsten blieben länger als eine Nacht. Da er nun gewohnt war alles kaufen zu können, bot er ihnen das zehnfache des üblichen Preises, flehte sie auf Knie an, nur eine Woche bei ihm zu bleiben. Doch alle lehnten ab. Sie nahmen sein Geld und doch verabscheuten sie ihn bei jeder Berührung. Sie wendeten sich voll Ekel von ihm ab und entflohen seiner Nähe. Geld löst zwar viele Probleme, hält aber Nachts nicht warm und ist der Seele kein Balsam.

Als dreizehn Jahre vergangen waren, trat eine zweite Veränderung in das Leben unseres Mannes. Es war an einem kalten, regnerischen Abend in Hamburg. Hier sollte seine diesjährige Europatournee beginnen. Die Vorbereitungen für die erste Abend-Show waren nahezu abgeschlossen, die Backline stand, der Sound war gescheckt, so dass unser Mann einigen tristen Stunden Leerlaufs entgegen sah. Er hasste diese verfluchten Stunden des Nichtstuns, des Herumsitzens. Im Backstagebereich hingen die üblichen Typen rum - Roadies, Stagehands, Trucker. Alles einfache nette Kerle, mit denen er oft und gerne zusammen gesessen und getrunken hatte. Doch mittlerweile hingen auch sie ihm zum Halse raus. Man führte immer die gleichen Gespräche und am Ende redete man sowie so immer nur über die besten Weiber, die es in der jeweiligen Stadt für Geld zu haben gab. Das widerte ihn an.

Er ging in seine Garderobe, zog sich seinen fünfzehntausend Mark teuren Fuchspelzmantel an und meldete sich beim Roadmanager ab. Die Halle verließ er durch den Seitenausgang. Es war immer das selbe Spiel. Vor der Halle standen die Fans, die sich die besten Plätze sichern wollten. Hinter der Halle warteten die Schlaumeisen, die darauf spekulierten, dass er vor der Show noch auf einen Sprung in die Stadt wollte. Die haßte er am meistens. Widerliches Fangescheiß, das glaubte er müsse immer und zu jeder Zeit Gewehr bei Fuß stehen und für jedes beschissene Foto bereit sein. Seelensauger, die jeden seiner Schritte zu kennen glaubten, die sich nichts sehnlicher wünschten, als sein Echo zu sein. Ungefragt machten sie ihn zum Mittelpunkt ihres Universums. Dieses Pack widerte ihn an und er wollte ihm auf jedem Fall aus dem Weg bleiben. Aus diesem Grund gab es in fast jeder Halle einen Seitenausgang was aber niemand wußte.

Die Füße unseres Mann trugen ihn an diesem denkwürdigen Abend hinunter an die Alster. Kahle Bäume säumten den regennassen Uferweg. Von Zeit zu Zeit brach der Mond fahl hinter den dunkelschwarzen Regenwolken hervor. Nur wenige Menschen hatten zu dieser Stunde den Weg hier hinunter ans Wasser gefunden über das ein eisiger Wind strich.

Nur geflüstert hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

'Mister Zaloom?'

Also war er den Schmeißfliegen doch nicht unbemerkt entkommen. Genervt drehte er sich langsam um.

Ein kleiner Mann kam mit winzigen, schnellen Bewegungen auf ihn zu. Dabei wirkte er wie ein böses Insekt, eine Gottesanbeterin, das im Schatten der Bäume auf ein Opfer gelauert hatte.

'Guten Abend, Mister Zaloom. Schön sie wiederzusehen. Wie fühlen Sie sich heute abend?'

Für einige Sekunden riß der Himmel auf und fahles Mondlicht fiel auf das Gesicht des nächtlichen Spaziergängers. Es war der Boss aus dem 'Seven Bridges'. Unser Mann erschrak bis ins Mark und spürte, wie sich seine Seele in seinem Herzen zusammen zog.

'Ich bin gekommen, um zu holen, was mir zusteht. Die Zeit ist um, unser Kontrakt läuft heute nacht aus.'

Wie seinerzeit im 'Seven Bridges' griff er bei diesen Worten in die Luft und zog aus dem Nichts den Vertrag hervor. Er leuchtete grünlich. Die Unterschrift unseres Mannes strahlt hingegen hell und klar in die eisige Nacht.

Unser Mann stolperte rückwärts ohne die Augen von seinem leuchtenden Namen zu nehmen. Ein einziger Gedanke peitschte ihm durch's Gehirn - nur fort von diesem Ort. Er drehte sich um und rannte so schnell er konnte durch die Nacht. Er hörte wie ihm der Boss schadenfroh hinterher rief.

'Wo laufen Sie denn jetzt hin? Das bringt Ihnen doch gar nichts. Die Würfel sind gefallen. Sie gehören mir...'

Unser Mann hastete durch die Dunkelheit. Ein Krähe schwang sich von einem Ast auf und flog ein Stück vor ihm her. Dann drehte sie in einer großen Schleife um und flog ihn direkt an. Ihr Augen glommen dunkelrot aus ihrem pechschwarzen Gefieder. Die Krähe öffnete den Schnabel und krächzte.

'Du kannst deinem Pakt nicht entkommen. Du gehörst uns. Gib uns den Beutel zurück...'

Unser Mann schlug wild um sich. Tatsächlich bekam er die Krähe zu packen und schleuderte sie zu Boden. Dort löste sie sich mit einem kurzen Lichtblitz in Nichts auf. Besorgt griff er in seine Manteltasche. Der Beutel war noch an seinem Platz.

Dann rannte er zurück zur Halle. Die Ordner hatten mittlerweile begonnen, das Publikum einzulassen. Er schlich zum Seiteneingang, öffnete vorsichtig die schwere Stahltür und zwängte sich durch einen Spalt hinein. Nun rannte er den Korridor hinunter zu seiner Garderobe. Er begegnete zwei, drei Leuten aus der Road-Crew, die ihn mistraurisch musterten.

Als er die Garderobentüre mit seinem Namen drauf hinter sich geschlossen hatte, atmete er kräftig durch. Er sollte sich jetzt schleunigst umziehen und sich auf die Show vorbereiten. Diesen kleine Ausflug in die Vergangenheit würde er einfach vergessen. Nichts war geschehen. Alles ging seinen gewohnten Gang.

Er hängt den Mantel an die Garderobe und wechselte seine Kleidung. Er würde seine Eröffnungsshow in einem nagelneuen Kostüm beginnen, einem golddurchwirkten Cut mit unzählig vielen winzigen Glühbirnen. Es hatte ein Vermögen gekostet aber es würde magisch auf das Publikum wirken, da war sich unser Mann sicher.

Es klopfte an der Tür. Unser Mann fuhr zusammen. Nichts war normal, soviel war sicher. Die nackte Angst steckte ihm in den Knochen. Die Tür öffnete sich einen Spalt und der Stagemanager steckte seinen Kopf hindurch.

'Alles klar, Cosmo? Können wir loslegen? Die Halle tobt!'

Er sah auf seine Armbanduhr.

'Drei Fernsehsender und die gesammte Kulturjournalie aller wichtigen Verlagshäuser ist anwesend. Denen wollen wir doch keinen Grund zum Meckern geben, nur weil wir unpünktlich beginnen, oder?! Also - ich seh dich in drei Minuten auf der Bühne...'

Die Tür flog zu.

Die Presse, natürlich. Unser Mann hatte sie komplett vergessen. Tourneeauftakt hieß auch immer die volle Ladung Wichtigtuer. Kulturschreiberlinge. Feuitonschlampen. Alles ehemalige Musiker, Künstler, Schauspieler, die es nie zu irgendetwas gebracht hatten. Am schlimmsten waren die von den kleineren Blättern. Widerlich penibel. Kein Fehler entging ihrem kritischen, analytischen Ohr. Sie waren die Kulturpolizisten, die mussten was gut war und was schlecht. Ihre Welt war Schwarz oder Weiß, aber niemals Grau, geschweige den Bunt. Frustrierte Kleinkrämer, denen man auch noch in den Hintern kriechen musste. So lief das Spiel.

Bist du ein Nobody, aber ein Provinzredakteur mag dich, so kann er dich nach oben schreiben. Permanent erscheinen Konzertkritiken, die dich über den grünen Klee loben. Gerüchte über mögliche Major-Platten-Deals werden Monat auf Monat lanziert. Dein 4-Spur-Demo-Tape wird zum Kult-Sammel-Objekt für jeden echten Musikfreund hochgepuscht. Und irgendwann greift der Hype dann und sogar die Schwester des Underground-Musikfreundes und deren Freundinnen rennen in deine Konzerte. Die finden zwar immer noch in den kleinen verrauchten Schuppen statt, aber plötzlich spielst du nicht mehr für 4 zahlende Gäste und das Personal sondern für 400. Und tatsächlich interessieren sich irgendwann die Plattenfirmen für dich und der Stein kommt ins Rollen.

Doch willst du als Star, nach fünf erfolgreichen Megaalben einen wohlwollenden Artikel von eben jenem Schmalspurredakteur haben, musst du dich schon ziemlich weit aus dem Fenster hängen und ihn massiv Bauchpinseln und wirst trotzdem nur zu hören bekommen, dass du deine Wurzeln verraten hast und das alle echten Musikfreunde dich auf jeden Fall ignorieren sollten, dich, das leuchtende Beispiel für die Komerzialisierung der Underground-Kultur. Bullshit.

Genauso lief es - immer und immer wieder und unser Mann war froh, dass er auf diesen Scheiß nie angewiesen war. Er hatte seinen Lederbeutel und egal was die Kulturellen schrieben, die Massen würden ihm die Füße küssen. So würde es immer sein.

Er nahm seine Gitarre aus ihrem Koffer und fuhr sanft mit den Fingern über das lackierte Holz. Die einzige Freundin, die ihn niemals verlassen würde. Sie hielt zu ihm, an guten wie an schlechten Tagen.

Er hängte die Strat um, nahm den Sender vom Schminktisch und verkabelte sein Instrument. Dann schaltete er die Glühlampen in seinem Kostüm an, sah noch einmal in den Spiegel und verließ den Raum.

Auf dem Gang war der Teufel los. Alles wusselte behände durcheinander, fiebrige Nervosität lag in der Luft. Die ganze Crew stand unter Strom. Das erste Konzert von siebenundsiebzig, die auf der Tournee noch folgen sollten. Nichts durfte heute schiefgehen. Das Eröffnungskonzert war der Parameter für alle weiteren - unter anderem auch für die aktuelle CD. Je erfolgreicher eine Tournee lief desto besser verkaufte sich die CD. Und wenn das Eröffnungskonzert ein Bringer war, dann waren die folgenden Shows in windeseile ausverkauft und die CD steuerte auf Doppelplatin zu - mindestens. Und so viel Erfolg bedeutete Geld für alle Beteiligten. Und Geld war schon immer ein hilfreicher Motivator gewesen.

Unser Mann ging schnell zum Bühnenaufgang. Auf der Bühne saßen schon seine Begleitmusiker. Er nickte ihnen kurz zu. Musikerhuren, die für Geld jeden Job machten. Schlager, Rock oder Skiffeljazz - Hochzeiten, Galas oder Tourneebegleitung - solange es Noten gab, die man abspielen konnte, würden sie für Geld alles spielen. Musik war für sie nicht von emotionaler sondern ausschließlich monitärerer Natur. Sie war ihnen nicht heilig. Ihre Kunst lag in der Reproduktion nicht in der Kreation.

Die Halle war gefüllt mit Menschen. Die Geräuschkulisse verstummte einmählig, als das Licht gedämmt wurde. Durch den halbtransparenten Vorhang sah unser Mann, dass die Kameraleute und Fotografen ihre Aparate in Position brachten. Jeder wollte das erste Bild schiessen.

Und dann ließen die Pyrotechniker die Katze aus dem Sack. Mit fünf gewaltigen Explosionen, die sich über die gesammte Bühne verteilten, fiehl der rieseige Vorhang mit dem Logo zu Boden. Stagehands kamen herangehuscht und zogen das schwere Tuch an den Bühnenrand.

Dunkelheit. Nur der Anzug unseres Mannes leutete funkelnd im Nichts. Knisternde Stille war nach den gigantischen Böllerschüssen eingetreten. Von ganz tief unten aus den enormen Lautsprecheranlagen fuhr nun eine mächtige Gitarrenrückkopplung heran, die lauter und immer lauter wurde, bis sie den ganzen Saal zu erdrücken schien. Dann endlich flammten die Scheinwerfer auf und die Band begann das erste Lied zu spielen.

Genau in diesem Moment brach für unseren Mann die Welt zusammen. Sie spielten keinen seiner Songs! Das war absolut unmöglich. Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging. Die Proben mit den Musikern hatten immer einwandfrei geklappt. Seine Finger rutschen wild über den Gitarrenhals. Keine Chance. Verzweifelt versuchte er die Tonart zu treffen, um wenigstens ein Solo improvisieren zu können. Doch der Song entzog sich völlig seinem tonalen Verständnis. Keine Harmonie passte zu nächsten. Der Rhythmus war ein einziges Durcheinander. Da traf ihn die Erkenntnis wie ein Stich ins Herz. Der Beutel! Er hatte den Lederbeutel mit dem Pulver im Backstageraum liegen gelassen. Und noch schlimmer: Er hatte das Pulver nicht benutzt. Zum ersten Mal in seiner dreizehnjährigen Karriere war er ohne eine Prise des Pulvers auf die Bühne gegangen und er hatte kläglich versagt. Sollte es wirklich daran liegen? Das durfte nicht sein. Er hatte doch Talent. War er nicht der weltweit gefeierte Bluesgitarrenspielen, der Liebling der Massen, Mister Tausendsassa persönlich?

Während unser Mann versuchte Licht ins Dunkel seiner Missere zu bekommen, wurde die Band einmählig leiser und verstummte schließlich ganz. Das Licht im Saal wurde hochgefahren und das Publikum fing an zu murmeln.

Von der Seite betrat ein Mann die Bühne und ging langsam in die Mitte zum Mikrofon. Es war der Boss des 'Seven Bridges'. Unser Mann erstarrte. Ein Scheinwerferkegel erfasste ihn. Ein kurze Rückkopplung zeigte an, dass das Mikro offen war. Er nahm es behutsam vom Ständer und begrüßte mit sanfter, aber kalter Stimme das Publikum.

'Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich freue mich sehr, sie heute nacht hier begrüssen zu dürfen. Um so mehr, da es sie alle eines ganz besonderen Künstler wegens gekommen sind, den sie alle seit Jahren verehren. Ich spreche von Mister Slingerfinger, von Mister Cosmo Zaloom. Bedauerlicherweise habe ich ihnen jedoch eine unschöne Wahrheit zu überbringen. Meine Damen und Herren, der Künstler, den sie über die Jahre in ihr Herz geschlossen haben, existiert im Grunde gar nicht. Denn der Mann, den sie hier heute abend auf der Bühne stehen sehen, ist nicht Cosmo Zaloom. Er ist nur ein Produkt ausgebuffter Marketingstrategen. Eigentlich kann er überhaupt nichts. Keinen Song, den er singt, hat er je selbst geschrieben. Keine Note hat er je selber eingespielt. Er ist ein Dilletant und ein Lügner, der sich ihr Wohlwollen erschmeichelt hat und Dank ihrer Leichtgläubigkeit ein luxuriöses Leben führt.'

Nun kam langsam Leben in das geschockte Publikum. Vereinzelte Pfiffe wurden hörbar. Bis jetzt dachten die meisten, das es sich um einen wenig originellen Teil der Show gehandelt habe, doch mittlerweile begriffen sie, das dem nicht so war und das sie hier jemand mit der Nase auf etwas stoßen wollte, von dem sie eigentlich gar nichts wissen wollten. Der Mann am Mikrofon sollte sie in Ruhe lassen, doch er redete weiter.

'Ich werde ihnen sagen warum ich ihnen die nackte Wahrheit offenbare. Dieser Mann hat heute nacht einen Vertrag gebrochen, den er vor vielen Jahren mit Leuten geschlossen hat, mit denen man besser keine Verträge bricht. Sie wollen die ganze Wahrheit? Nun gut, ich zeige sie ihnen. Die Wirklichkeit sieht doch immer anders aus, als man denkt.'

Der Boss hob einen Arm. Der Schlagzeuger spielte einen Wirbel auf der Snare.

'So sieht ihr Liebling in Wirklichkeit aus!'

Er schnippte mit dem Finger, Lichtblitze huschten über die Bühne, Dampf stieg theatralisch auf, dann folgte eine kleine Explosion und unser Mann stand in seinen abgerockten Stadtstreicherklamotten da. Verschwunden waren das Glühlampenkostüm, die riesige Lautsprecheranlage, die meterlange Bühne, die gemieteten Musiker. Stattdessen fand sich unser Mann auf der morschen Bierdosenbühne des 'Seven Bridges' wieder. Auch das Publikum hatte sich verändert. Statt quiekender Mädchenscharen befand sich nun wieder fieses Verbrechergesindel im Raum.

Der Boss trat ganz dicht an unseren Mann heran. Fast flüsterte er, doch seine Worte waren scharf wie Messer.

'Du hast einen Kontrakt unterschrieben, mein Freund, hier ist er.'

Er griff in die Luft und holte das alte Pergament aus dem Nichts.

'Du bist mein Produkt. Ich haben alle Rechte an dir und das hast du seinerzeit bereitwillig mit deinem Namen unterzeichnet. Ich habe dir alles gegeben, doch nichts von dem was du bist, ist echt. Alles gehört mir. Dein Name, deine Musik, deine Seele. Und genau darum geht es mir heute nacht, mein Freund. Ich bin gekommen, den Vertrag einzulösen. Du - gehörst - mir!'

Der Boss wollte unserem Mann die Gitarre abnehmen, doch da erwachte er endlich aus seiner Letargie. Jetzt galt es zu handeln, oder sein Leben war keinen Cent mehr wert, das spürte er. Alles war genau so wie vor dreizehn Jahren, als er völlig runtergekommen im 'Seven Bridges' gestrandet war. Die Bühne, das Gesindel, der Boss in seinem Cut und der gestreiften Weste... Und da fiel ihm auf, dass er in seinen Händen eben jenen Lederbeutel hielt, den ihm der Boss vor Jahren ausgehändigt hatte und dem er auf so wunderbare Weise seinen zauberhafte Karriere verdankte. Das war es. Der Boss wollte gar nicht seine Gitarre - er wollte den Beutel!

Blitzschnell öffnete er ihn und sah hinein. Das Pulver war fast aufgebraucht, aber vielleicht würde es für die Idee, die ihm in den Kopf schoss gerade noch reichen. Vielleicht war das seine Rettung. Er griff in den Beutel und fingerte eine Prise Pulver daraus hervor.

'Stopp', rief er und seine Stimme klang alles andere als zögerlich. Der überraschte Boss hielt tatsächlich in seiner Bewegung inne.

'Ich habe das alles so nicht gewollt. Das Geld, den Luxus, die Autos, die Häuser, die Frauen. Nie habe ich mich einsamer gefühlt als in den letzten dreizehn Jahren. Sicher, ich hatte alles, was sich ein lebendiger Mann unter der Sonne wünschen kann - Erfolg, Karriere, Aufmerksamkeit, Reichtum - doch das hat alles nichts mit mir oder meiner Musik zu tun. Wenn ich eins begriffen haben in diesen dreizehn Jahren, dann ist es, dass Geld nicht glücklich macht. Ich scheisse auf den ganzen Starrummel, die Hotelsuiten und die Freigetränke. Du kannst mir alles nehmen, aber eins wirst du nie bekommen - meine Seele, meine Musik. Du irrst, wenn du glaubst, du hättest mich gemacht. Ich weiß, dass es nicht so ist. Meine Musik war vor dir da. Sie hat mich durchs Leben getragen wie ein sicheres Boot. Du hast nur ein bisschen Glitter drum rum gepackt, hast mich verkleidet, vermarktet und ausgeschlachtet. Und darum sage ich dir hier und heute, ich würde alles dafür geben, wenn es wieder so wäre wie früher. Ich schwöre, ich würde mir eher nie wieder die Haare schneiden, als je wieder einen Vertrag mit dir einzugehen oder dieses Glammerleben weiter zu führen.'

Mit diesen Worten warf unser Mann die Prise Pulver in die Luft, die er zwischen den Fingern gehalten hatte. Der Boss wich entsetzt zurück. Ein ängstliches Raunen ging durch's Publikum. Sanft, fast wie in Zeitlupe fiel das Pulver unter den ängstlichen Blicken des Bosses zu Boden und als das erste Staubkorn die Erde berührte schrien er und die Menge fürchterlich auf, als hätte man ihnen glühendes Eisen auf die nackte Haut gelegt. Das Gebrüll steigerte sich mit der Menge des gefallenen Pulvers und wurde schließlich zu einem animalischen Geheuel, einem Wolfsrudel gleich. Und wirklich - an einigen Tischen saßen plötzlich große, wilde Hunde, wo eben noch finstere Gestalten gehockt hatten. Sie schmissen den Kopf in den Nacken und jaulten markerschütternd. Nach kurzer Zeit war das gesammte 'Seven Bridges' voll mit heulenden Tieren

Da musterte der Boss unseren Mann ein letztes Mal mit seinen dunklen, listigen Augen. Seine Stimme war leise und doch kühl und scharf wie Sollinger Stahl.

'Du hast also gewonnen, Freund. Hast einen Lebensschwur geleistet und dabei das Pulver gebraucht, das ich dir geschenkt habe. Das hat dich vorerst gerettet. Doch noch bist du mich nicht los. Sei gewiss, ich bin immer hinter dir, werde dich beobachten lassen und jeden deiner Schritte kennen. Und solltest du jemals deinen Schwur brechen und dir in den kommenden Jahren auch nur ein einziges Haar schneiden, dann bin ich zur Stelle, um mir zu nehmen, was mir gehört. Doch genug der Worte! Achte auf dein Haar, Freund, und meide die scharfen Sachen...'

Der Boss klatschte leise in die Hände.

Das Heulen verstummte. Die Farben verblassten. Die Zeit löste sich für den Bruchteil von Sekunden auf und als sie sich wieder zusammensetzte lag unser Mann wieder da, wo alles begonnen hatte, im Staub des Niemandslandes aus dem er zu seiner abenteuerlichen Reise aufgebrochen war. In einiger Entfernung fand er seine alte Fender Strat im Sand stecken. Sonst war ihm nichts geblieben. Der Rest ist Geschichte.

Und das war die Geschichte, die ich euch erzählen wollte. Ich hoffe, ihr habt euch nicht all zu sehr gelangweilt?

Ob wir uns gelangweilt hatte? Was sollte diese Frage? Wir hatten uns in die Hosen gemacht vor Angst, nie wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Seit Stunden erzählte uns dieser Verrückte seine Geschichte und ließ uns dabei wie Luftballons im Himmel hängen. Wir wollten nur eins - zurück zu Mutter Erde. Das sagten wir ihm.

"Nichts leichter als das."

Der Gitarrenfreak klatschte in die Hände und schon fielen wir alle wie tonnenschwere Steine vom Himmel. Wir schrien, drehten uns um uns selbst, verlorren die Orientierung, starrten in die Sonne, dann wieder auf die schnell näher kommende Erde.

"Wir sehen uns dann unten...", schrie der Freak, machte sich flach wie ein Fallschirmspringer und schoss an uns vorbei.

Wie wir es dann heil auf den Boden schafften, vermögen wir alle nicht mehr zu sagen. Tatsache ist, dass wir plötzlich wieder am Hafen von Sydney standen, ein bißchen wackelig auf den Beinen, aber froh, noch am Leben zu sein.

"Nichts für ungut Jungs, war nett, eure Bekanntschaft gemacht zu haben."

War es die Dankbarkeit, noch zu den Lebenden zu gehören oder einfach Mitleid mit seinem verlausten Aussehen - auch wir fanden diesen Gitarrenfreak, der da nun wieder vor uns an der Kaimauer stand plötzlich ebenfalls furchtbar nett.

"Wie wär's mit einem Autogramm? Warte ich habe es hier irgendwo..."

Er kramte in seinen Manteltaschen und zog eine Autogrammkarte von uns hervor. Dann reichte uns mit der anderen Hand einen goldenen Stift.

"Seht ihr, ihr seit mit doch nicht ganz unbekannt. In Wirklichkeit warte ich schon eine ganze Weile auf eine Gelegenheit euch zu treffen. Nun hab ich es endlich geschafft, da könnt ihr mir dieses Autogramm sicher nicht abschlagen..."

Er redete ohne Unterlass, schmeichelte uns, lobte unsere Musik, unsere Performance, versprach in unser Konzert heute abend zu kommen und wir - ohne zu überlegen, was alles nicht zusammen passte - griffen gemeinsam nach dem Stift und wollten unterzeichen.

Da fuhr ein eiskalten Wind vom Meer herauf und wirbelte den Staub der Straße durcheinander Um die Häuserecke Kennsington-Street Philadelphia-Lane bog ein Mann. Er trug wie der Gitarrenfreak einen langen schwarzen Ledermantel und hatte ebenfalls eine Fender Strat auf den Rücken geschnallt. Er blieb kurz stehen und sah sich um, als suche er etwas. Dann entdeckte er uns. Mit riesigen Schritten kam er auf uns zugerannt. Seine Haaren wehten hinter ihm im Wind. Sie waren mindestens zwei Meter lang. Mit einem Donnerschlag blieb er vor uns stehen.

Der Gitarrenfreak fauchte ihn hasserfüllt an. Ja, er fauchte tatsächlich wie ein hinterhältiges Tier. Der zweite Mann überragte den Freak um mindestens fünfzehn Zentimeter. Er war ein Hüne, groß und mächtig und wild. Behutsam nahm er uns den goldenen Stift aus der Hand und warf ihn zu Boden. Mit einem gewaltigen Tritt zermalmte er den Schreiber unter seinem Stiefel.

Dann sah er den Freak an.

"Du hast mich nicht gekriegt und du wirst auch niemand anderen bekommen. Egal in welche Rolle du schlüpfst und welches Gewand du dir auch immer anlegen magst. Ich werde dich erkennen."

Dann faßte der Hüne blitzschnell hinter seinen Rücken und schwang seiner Gitarre herum. Der Freak tat es ihm gleich.

Der Hüne wandte sich an uns.

"Tretet beiseite."

Da hob der Freak seine Gitarre am Hals in die Höhe und holte zu einem vernichtenden Schlag aus, doch der Hüne war trotz seiner enormen Größe flink wie ein Wiesel. Er wirbelte herum und stieß dem Freak seine Gitarre in den Körper. Dieser verlor das Gleichgewicht und flog, wilde Verwüstungen ausstoßend, über die Brüstung der Kaimauer ins Meer. Dort versank er und tauchte nicht wieder auf.

Wir schauten noch alle gebannt auf die Wasseroberfläche, als uns die dunkle Stimme des Hünen aus einer Trance aufwachen ließ.

"Gestattet, dass ich mich euch vorstelle: Mein Name ist Cosmo Zaloom."

to be continued...